Tierische Therapeuten oder: was ein Hundesportverein alles leisten kann …

Ende 2004 meldeten sich zwei Kinder (7 und 8 Jahre) mit Hundephobie in meiner psychologischen Praxis in Bollendorf an. Dies brachte mich zu einer Anfrage an den Hundesportverein Bollendorf zwecks Zusammenarbeit.
Die Ausbildungswarte der OG Bollendorf boten hierfür spontan und unentgeltlich ihre Mitarbeit an und wir waren sehr gespannt auf das Experiment unserer Zusammenarbeit!
Im Januar 2005 also startete das Training zur Behandlung der Hundephobie (in Anlehnung an das Konzept von Dipl.-Psych. F. Zimmermann & Dr. med. V.E. Kacic, Klinikum Aschaffenburg).
Für die Planung des Ablaufs hatte die psychologische Voruntersuchung wichtige Anhaltspunkte über das Ausmaß der Phobie, ihre Ursachen, die Beeinträchtigungen dadurch im Alltag und die Motivation der Kinder für das Training ergeben.
In der Eingangsdiagnostik hatten die Kinder u.a. anhand der Ampelfarben ihre Angst in verschiedenen Situationen, in denen sie mit Hunden konfrontiert waren, selbst eingeschätzt, wobei rot für sehr viel Angst, gelb für mittlere Angst und grün für keine Angst stehen (jeweils getrennt für kleine und große Hunde). Anhand dieser Angaben stellten wir eine sogenannte „Angsthierarchie“ auf: es entstand eine Liste von Situationen, die für die Kinder mehr oder weniger angstbehaftet waren. Diese Situationen galt es später im geschützten Rahmen mit Unterstützung durch die Hundetrainer zu üben.
Vor dem Training versicherte ich den Kindern, dass wir ausschließlich im gelben Bereich üben, bzw. auch vor und während der Konfrontation mit dem Hund regelmäßig die individuelle Ampel überprüfen und beachten werden. Das hieß für die Kinder, dass sie die Üb100_0001ungssituationen und damit das Tempo ihres Fortschritts selbst bestimmten, je nach Angstlevel.
Das Trainingsprogramm startete mit drei Vorbereitungseinheiten in meiner Praxis. Zunächst lernten die Kinder viel über Hunde allgemein und im besonderen über deren „Sprache“, denn in der vorangegangenen Diagnostik zeigte sich auch, dass die Kinder die Ausdrucksweisen der Hunde (z.B. Körperhaltung, Bellen etc.) überwiegend falsch einschätzten. Außerdem macht bekanntlich immer das am meisten Angst, was man nicht kennt und schon die Auseinandersetzung mit Hunden, ihren Eigenarten und ihren Fähigkeiten wirkte im ersten Schritt leicht angstreduzierend. Die Kinder erarbeiteten die für sie persönlich angstauslösenden Merkmale und Verhaltensweisen der Hunde und erste Verhaltensregeln im Umgang mit ihnen.

In der nächsten Lerneinheit stand die Angst im Mittelpunkt. Unsere Angst als Schutzsignal ist ein unverzichtbares Hilfsmittel im Leben. Wir besprachen, wobei uns unsere Angst hilft, d.h. wann sie durchaus sinnvoll ist und wie die bisherigen Erfahrungen mit Angst in anderen Lebensbereichen waren und der Umgang damit. Eine wichtige Rolle spielt hierbei das Erkennen der „Angstsignale“ in unseren Gedanken, Gefühlen und körperlichen Reaktionen (z.B. Zittern, Übelkeit) sowie auf der Verhaltensebene (z.B. Anstarren oder Weglaufen). Die Kinder lernten dabei auch die „Angstverlaufskurve“ kennen und konnten anhand persönlich erlebter Beispiele nachvollziehen, dass Angst, wenn wir es schaffen, sie auszuhalten, mit der Zeit von selbst geringer wird.

Darauf aufbauend lernten die Kinder Coping-Strategien kennen, d.h. Bewältigungshilfen vor und in der Angstsituation, die sich positiv auf die Gedanken, Gefühle und damit auch den körperlichen Ausdruck der Angst auswirken (Mutmurmel, Mutspruch, Bauchatmung). Anschließend konnten die Kinder ihre Angsthierarchie noch einmal überprüfen und ihr persönliches Ziel für die Therapie formulieren. Den Abschluss der Vorbereitungseinheiten bildete die Motivierung der Kinder und Vertrauensbildung durch genaue Erklärung des Ablaufs der Konfrontation mit den Hunden und die nochmalige Versicherung, dass die Kinder das Tempo der Annäherung selbst bestimmen und nur im gelben Bereich geübt wird.

In der ersten Übungsstunde auf dem Hundeplatz lernten wir Bommel (Yorkshire Terrier) kennen. Begleitet wurde er von seinem Herrchen Ferdi Simon und dem Ausbildungswart der OG, Dietmar Schneider. Die Kinder beobachteten Bommel zunächst aus der Distanz und übten dabei, auf ihre Ampel zu achten und die gelernten Bewältigungshilfen einzusetzen. In den nächsten Stunden erfolgte eine Steigerung vom reinen Beobachten des Hundes im eingezäunten Trainingsbereich über vorsichtige Annäherung auf kurze Distanz bis hin zum Füttern mit Leckerlis, Streicheln, und schließlich selbständigem Führen an der Leine mit Erteilen von Befehlen. Besonderen Mut erforderte dabei das Aushalten der Gegenwart eines unangeleinten Hundes und des lauten Bellens.

Zwischenzeitlich beobachtete ich, dass eines der Kinder seine Fortschritte nicht in realistischer Weise wahrnahm, da es sich stets mit dem anderen verglich, das von vornherein (zumindest bei kleinen Hunden) etwas weniger ausgeprägte Angst zeigte. Daher entwickelte ich eine „Mut-Treppe“ für beide Kinder, auf denen sie die eingetragenen Ampelfarben des Ausgangsfragebogens für jede Übungssituation nach den Stunden mit den nun neu gültigen Farben jeweils überkleben konnten. Durch die Handlung des Überklebens und die farbliche Veränderung der Treppe wurde für die Kinder ihr Erfolg im wahrsten Sinne des Wortes begreifbar und sichtbar.

Beim fünften Treffen arbeiteten wir wieder mit Bommel, jedoch durfte parallel dazu der große Briard Yusty in einiger Entfernung auf dem Trainingsplatz liegen. In weiteren zwei Terminen gelang auch die Annäherung an diesen für die Kinder sehr großen Hund bis hin zum selbständigen Führen am Halsband. Um die Generalisierung (= Verallgemeinerung) der Angstreduktion auch auf andere Hunde und Situationen zu erreichen, war es nun notwendig, noch weitere Hunde kennen zu lernen. So trafen die Kinder auf Pacco (alias Feivel) und statt des gewohnten Trainingsareals machten wir einen Spaziergang an der Sauer mit ihm und seinem   Herrchen Kalle Hartmann. In dieser, der 8. Konfrontationsstunde wiederholte sich der Ablauf der ersten 7 Stunden sozusagen im Zeitraffer, d.h. von zunächst reiner Beobachtung mit Abstand über vorsichtige Annäherung bis zum selbständigen Führen des Hundes an der Leine und Füttern von Leckerlis.

Die Freude der Kinder über ihren eigenen Mut und der Stolz auf ihren Erfolg waren dabei nicht zu übersehen. 

Doch es standen noch zwei weitere Begegnungen auf dem Programm: die Kinder sollten noch den kleinen Piwi und den DSH Racker kennen lernen, wobei letzterer manchmal etwas "schwierig" im Umgang mit Fremden ist und den Kindern die Gelegenheit bot, anhand seiner Körperhaltung zu beobachten, wann eine Annäherung vom Hund nicht erwünscht ist.

 Als besonderes Highlight legte Dietmar in der letzten Stunde eine Fährte für Racker, um den Kindern die außerordentlichen Fähigkeiten des Hundes zu demonstrieren. Racker verfolgte die Spur zügig und absolut fehlerfrei, womit er alle Zuschauer schwer beeindruckte.

 Im Mittelpunkt aller Stunden standen immer das Beachten der Ampel der Kinder, die Anwendung der gelernten Angstbewältigungsstrategien und sehr viel Information von den "Hundeführern" über den einzelnen Hund und seine Eigenarten sowie das Verhalten und der Umgang mit Hunden allgemein.

 Zwischen den einzelnen Terminen hatte die Kinder die Aufgabe, sich die Hunde in ihrer unmittelbaren Wohnumgebung genauer anzusehen, sich bei den Besitzern über sie zu erkundigen und dabei vorsichtige Annäherung zu üben. Dabei spielte die Unterstützung der Eltern eine große Rolle, da sie die Kinder immer wieder an ihre Ampel und die gelernten Tricks erinnern sollten.

 Als Trainingsabschluss durften die Kinder an einem Sonntagmorgen das öffentliche Hundetraining beobachten und dabei u.a. zusehen, wie die Hunde lernen, Fußgänger und Radfahrer gelassen vorbeizulassen ohne sie anzubellen oder auf sie zu zuspringen. Danach versammelten sich alle anwesenden Hunde mit ihren Führern auf dem Trainingsplatz und die Kinder erhielten (inmitten der Hundeschar, was drei Monate zuvor noch völlig undenkbar gewesen wäre!) ihre Mut-urkunde, auf der noch einmal ihre Leistungen und Erfolge im Verlauf des Trainings zusammengefasst sind.
 Ein besonderer Dank gilt noch einmal den Hunden Bommel, Yusty, Pacco, Piwi und Racker mit ihren Besitzern und Trainern Ferdi und Nadine Simon, Kalle Hartmann und Dietmar Schneider, die ihre Zeit, ihr Wissen und ihren Enthusiasmus ehrenamtlich den Kindern zugute kommen ließen!
Danke!

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